Was ich in Diyarbakir fotografierte…

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…und was nicht – und was das über die Gegenwart der Stadt aussagt.

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Die Große Moschee fotografierte ich. Ein bisschen lieblos zwar, aus einer Ecke heraus, so wie ich alles hier in Diyarbakir eher heimlich fotogafierte. Viele Menschen, das war mir gleich aufgefallen, waren noch nicht daran gewöhnt, Teil einer Stadt von touristischem Interesse zu sein und reagierten auf Kameras unsicher. Sie sollten sich auch nicht daran gewöhnen. Nur wenige Wochen nach meinem Besuch in der Stadt Ende Mai 2015 brach der Konflikt zwischen türkischer Regierung und der kurdischen Bevölkerung, offiziell zwischen Militär und PKK, wieder aus. Heute sind im historischen Altstadtkern Sur, als Welterbe durch die UNESCO ausgezeichnet, etliche historische Gebäude zerstört.

Darunter auch die assyrische Kirche der Heiligen Jungfrau Maria. Diese habe ich nicht fotografiert. Der Weg zum Gotteshaus einer Minderheit, der uns durch enge Gassen mit Horden spielender Kinder führte, ist mir auch so in Erinnerung geblieben. Ebenso die Bitterkeit des Pfarrers, einem ruhelosen, resignierten Mann. Er hatte keine Lust gehabt, uns die Kirche zu zeigen und zu erklären. Vielleicht hatte er zu dem Zeitpunkt schon geahnt, dass die Zeit der Touristen kurz bleiben würde.

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Ich habe eine Straße fotografiert, in der Kinder unter bunten HDP-Wimpeln spielten. Es war kurz vor der Wahl und die Stadt voller Hoffnung. Als ich die Kamera zückte, verschwanden alle Kinder in den Hauseingängen. So entstand ein einsames Bild, das auf die Altstadt heute verweist, auf deren Straßen sich nicht mehr gefahrlos spielen lässt.

Ich habe nicht die Stadtmauer fotografiert, auf der Touristengruppen, Rentner und Schüler den Blick über die Hevsel-Gärten vor der Stadt genossen.

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Stattdessen habe ich von der Mauer aus einen Hügel fotografiert, auf dem triumphal ein vielstöckiger Neubau thront. Rückblickend scheint auch er vorauszudeuten, denn was der türkische Staat zerstört, baut er in neu wieder auf. Gerade Strukturen, Kasten an Kasten kleben die Wohnungen der Baugruppe TOKI aneinander, den Geist einengend und leichter kontrollierbar als das alte Gassengewirr. Viele Menschen aus dem Altstadtkern können sich zudem die teuren Neubauwohnungen nicht leisten und werden aus dem Zentrum verdrängt.

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Die Kleider und Accessoires in den Farben der kurdischen Flagge auf dem zentralen Bazaar strahlten im Mai 2015 stolz und hoffnungsvoll. Doch als ich einem kurdischen Freund in Istanbul ein Armband mitbrachte, fürchtete er, wenn er es trüge, Probleme mit der Polizei zu bekommen.

Eine Stadt hat einen Teil ihrer Identität verloren und ich, als unbeteiligte Touristin, mache mir rückblickend Vorwürfe, nicht mehr fotografiert zu haben. Das meiste ist vergänglicher, als man denkt.

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