Himara: Besuch einer sterbenden Stadt

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Die Altstadt Himaras an der Albanischen Riviera schart sich rund um die Überreste einer Burg, etwa drei Kilometer oberhalb des Strandes. Heute findet alles Leben unten statt, die Altstadt weiß sich abgelöst und klammert sich nun mit letzter Kraft Ruine um Ruine am Berggipfel fest.

Als ich dem Lauf der Straße folge, die sich kurvenreich in die Höhe schlängelt, fließt eine zäher werdende Wolkenmasse über die Gipfel und sammelt sich in den Zwischentälern. Die Luft schwelt und scheint sich parallel zur Wolkenfülle mit Spannung anzureichern. Alles schreit nach Gewitter. Ich achte darauf, nicht der höchste Punkt dieses Berges zu werden, falls es schließlich zur Entladung kommt und halte mich dicht an Straßenlaternen und Friedhofsmauern, die meinen Kopf überragen. Ein Ziegenhirte treibt seine Tiere auf die andere Straßenseite und als ich ihm zunicke pfeift er mir ungeschickt hinterher.

Als ich den alten Stadtkern erreiche, ist der Zugang nicht ersichtlich. Alles ist von einer rosafarbenen Mauer umgeben, deren Zweck darin zu liegen scheint, die Straße zu befestigen und vor dem Steinschlag der zerfallenden Häusern zu bewahren. Ein Hotelbetreiber grüßt mich und fragt: „To the castle? You have to follow the path under the raspberry trees!“

Und tatsächlich, an der Bergkante verläuft ein rostiges Spalier, an dem – zwar nicht Himbeeren – aber Trauben ranken. Als der Weg in einer Toreinfahrt zu enden scheint, ist da ein alter Mann an seinem Balkon und winkt mich weiter. Massive Kakteen säumen den zugewachsenen Pfad, der durch zwei Tunnel führt und vor einem verschlossenen Toreingang zur Burgruine endet, an dem ein Feigenbaum seine fingerartigen Blätter zitternd in Richtung Abgrund streckt. Ich finde drei reife, violette Früchte in Reichweite, hatte diese Freude schon vergessen, unverhofft die Süße der Natur zu schmecken und lasse nun so mit verklebten Fingern meinen Blick über die Buchten fliegen. Von hier oben ist jegliche Geschäftigkeit Illusion, die Strandschirme, die Speedboote und selbst die Campingplätze am Livadhi Beach. In der Altstadt selbst sind nur alte Leute, mit denen das ehemalige Zentrum auszusterben scheint. Sie bewegen sich langsam auf ihren Balkonen und Terassen, gießen Obstbäume oder versorgen eine Katze. Sie nicken ernst, wenn ich vorbeikomme und scheinen sich des Schicksals ihres Wohnortes bewusst. Doch solange sie noch leben, ist nicht alles Ruine, und solange sich noch Menschen in die Altstadt verirren, denken sie vielleicht, ist nicht alles vergessen.

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