Georgischer Wein

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Der Bus passiert im Morgengrauen Rize an der Schwarzmeerküste, die Heimatstadt des türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Es sind zwei Wochen vor den Parlamentswahlen 2015 und Rize rüstet werbetechnisch auf: Die AKP säumt den Küstenhighway wie Palmen den Sunset Boulevard.

Zum zweiten Mal erwache ich, als wir Hopa erreichen, einen beliebten Urlaubsort an der Grenze zu Georgien. Zur Grenze fährt dann ein weiterer Bus, aber erst zwei Stunden später. Ich schlendere, 3 Stunden Schlaf in den Knochen, in die Innenstadt, doch um 6 Uhr morgens kann man von Kurorten im Allgemeinen wenig erwarten. Und doch: Ein Bäcker. Ein Simit, ein Cay, verstohlenes Zähneputzen auf der Gästetoilette, zurück zum Busbahnhof, wo mir der Ticketverkäufer einen Nescafé spendiert. Gekoppelt an den Zahnpastageschmack in meinem Mund besiegelt er den Start in den Morgen.

An der Grenze bricht ein unglaubliches Chaos aus. Die Georgier, so scheint mir, haben es allesamt eilig. Wer sich hier nicht durchsetzen kann, kommt nie auf die andere Seite. Ich hebe Geld ab, das mit dieser wundersamen Schrift verziert aussieht wie aus einem Fantasy-Spiel entsprungen, nehme einen Minibus und steige im Stadtzentrum aus. Im Hostel heißt mich eine junge Frau mit blondierten Haaren willkommen, sie lackiert sich die Nägel und lacht so laut, dass man es über beide Etagen hört. Ihre Schwiegermutter, eine etwas übereifrige Dame, spricht Deutsch und zeigt mir nicht nur das Zimmer, sondern beginnt auch fragwürdigerweise, das bereits gemachte Bett noch einmal zu machen. Dabei räumt sie schimpfend rundherum auf, was andere Gäste liegengelassen haben.

In Georgien isst man Brot mit Käse – gefüllt, on Top, oder eingewickelt. Manchmal wird über den geschmolzenen Käse noch ein rohes Ei geschlagen. Mit einer derartigen Mahlzeit im Magen mache ich einen Nachmittagsschlaf und als ich aufwache, ist da eine Horde Jungs im Zimmer. Sebastian, Nico, Benjamin, Reinier und Stasi nehmen unter affenhaftem Gebrüll die restlichen Betten ein. Alle kommen aus Deutschland, bis auf Reinier, der ist Holländer, und alle sind betrunken, bis auf Benni, der ist der Fahrer des Mietwagens, mit dem die Fünf unterwegs sind. Ich schließe mich an auf einen Gang in die Stadt, der damit beginnt, dass wir einige Dosenbiere am Kiosk besorgen – und ähnlich endet. Dazwischen liegen ein Besuch in Batumis berühmtester Skybar, in der die Musik angeknipst wird, sobald wir, die einzigen Gäste, den Raum betreten, eine geklaute Rose von der Dachterasse des Raddison Blue, ein gerade noch vermiedener Zusammenprall des Taxis mit einem Güterzug im Industriegebiet und der 5-minütige Besuch einer Rockerkneipe in selbigem Industriegebiet, der so ausgeht, dass der Taxifahrer, der auch eine Lederjacke trägt, gerne bleiben würde, wir, die wir keine Lederjacken tragen, aber eher nicht.

Am nächsten Morgen ist plötzlich noch eine Deutsche im Zimmer, die alte Lady hat wohl Gefallen daran gefunden, ihre Gäste nach Nationalitäten zu sortieren. Gemeinsam mit den Jungs fahren wir zu einer Kombination von Hiphopmusik, Schlaglöchern und Kater zum Mtirala-Nationalpark. Benni ist der Reiseleiter für die Gruppe, die regelmäßig zusammen in den Urlaub fährt. Die akribisch geplanten Ausdrucke mit Tagesverlaufsplänen und Vorfreude weckenden Bildern gespickt weisen für heute an: Wandern und Picknick in der Natur.  Während ich mich anfänglich noch über diese Art der Reiseplanung lustig machte, tut sich vor uns nun ein Tunnel aus Ranken und Bäumen auf. Ein schmaler Pfad führt durch das nahezu tropische Grün, bald treffen wir auf einen Fluss und klettern, wandern, schwimmen, springen, picknicken bis zum Abend.

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Tanz und Wein

Alle sind müde und stolpern die Treppen hoch zum Zimmer. Aus einem kleinen Lokal auf der anderen Straßenseite dringt Musik: Klarinette und Akkordeon swingen vielversprechend balkanesk. Benni, auch müde, erbarmt sich und begleitet mich, „auf ein Bier“ in die Bar. Denn das will ich mir unbedingt ansehen: Im vorderen Zimmer sitzt eine Gesellschaft um eine lange Tafel. Es sind ausschließlich Männer und die Musiker hier. Im hinteren Teil an der Bar sitzen die Frauen, zwei von ihnen kellnern. Wir werden nach oben bugsiert, dort gibt es eine Empore, von der aus man Musik und Tanz beobachten kann.

Kaum haben wir das Bier geleert und die Rechnung verlangt, ruft man uns nach unten. Jetzt sollten wir aber auch mal mit anstoßen, heißt es, der Barbesitzer feiere schließlich heute Geburtstag. In Georgien gibt es Wein, der in witzigen Tonkrügen serviert wird – und eine Trinkspruchtradition. Derjenige, der den Spruch bringt (genannt Tamada = Toastmaster) steigt auf einen Stuhl. Wir verstehen kein Wort, aber an der Länge der Redebeiträge, am Lachen und Klatschen der anderen, scheint es fast eine Art Poetry-Slam-Kultur zu sein, die hier ausgetragen wird. Ist der Trinkspruch vorbei, wird der Wein gekippt – auf Ex. Dabei bleibt in den Tonkrügen, die ein bisschen wie Wunderlampen aussehen, immer noch eine Windung, noch eine Ecke, aus der noch mehr Wein hervortritt. Der Clue ist, dass es eine unüberschaubare Menge verschiedener Krugformen gibt, die an einem Abend alle nacheinander zum Einsatz kommen.

Benni und ich müssen uns nun beweisen. Der Trinkspruch bleibt erspart, ohnehin ist es rätselhaft, wie wir uns unterhalten, mit gesprochenen Spanischfetzen des Barbesitzers und ein wenig Türkisch bei den Frauen. Ich habe Glück, mein Krug wird nur halb gefüllt. Zweimal. Danach ziehen mich die Frauen in den Hinterraum, hier gibt es Wein aus Gläsern, ungefährlicher, aber ebenfalls in rauhen Mengen. Wir haben lachend, tanzend, Selfies schießend eine Menge Spaß. Benni derweil muss weitertrinken. Als sich im fortgeschrittenen Abend die Gruppen zum Tanzen vermischen, verspüren wir so etwas wie Grenzenlosigkeit. Die Sprache funktioniert über Tanz und Wein, was für eine schöne Vorstellung.

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