Van: Von schwimmenden Katzen im Frühstücksparadies

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Der Vansee übersteigt alle Maße: 120 Kilometer lang, 80 Kilometer breit und 450 Kilometer tief liegt er eingebettet zwischen schneebedeckten Bergen am äußersten Ost-Ende der Türkei. Kein Wunder, dass die hier ansässige Van-Katze angeblich nichts lieber tut, als zu schwimmen.

Vieles, was diese Katzenrasse betrifft, scheint ein bisschen mystisch zu sein, ein bisschen weit hergeholt. Schwimmhäute soll sie zwischen den Zehen haben (haben Katzen denn überhaupt Zehen?) und sich aufgrund ihrer Liebe zum Wasser ausschließlich von Fisch ernähren (im Vansee gibt es aber nur eine Sorte Fisch, die als bedroht gilt). Fest steht: Zwischen der Van-Katze und mir scheint eine gewisse Ähnlichkeit zu bestehen. „Van Kedisi!“, ruft ein Mann am Busbahnhof lachend den türkischen Namen der Katzenart aus und zeigt mit dem Finger auf mich. Meine Haut- und Haarfarbe aus Rot und Weiß scheint wohl an die spezifische Fellfärbung der Katze zu erinnern.

In Van bin ich mit Levent verabredet, einem Couchsurfer, der an diesem Wochenende mit seinen Freunden am See zelten möchte. Ich solle einfach mitkommen, sagt er, es würde schon noch einen Platz im Zelt geben. Levent und seine Freunde sind alle Ärzte. Sie holen mich zu zweit mit dem Auto ab, der Rest der Gruppe ist Fahrrad gefahren. Levent trägt Rastalocken und ein sportliches Kopftuch gegen die Sonne, die durch die ständige Reflektion in See und Bergen gleißend brennt. „Ich hoffe du hast Hunger?“, fragt er, als wir über einen Feldweg an den See heranfahren, wo schon eine Gruppe junger Leute um einen Grill verteilt sitzt. „Ich bin Vegetarierin…“, deute ich an und Levent schüttelt verständnislos den Kopf. „Es gibt auch Salat.“

Einige der Männer sind schon ins Wasser gesprungen, es ist eisig. Am Abend wird eine Gitarre ausgepackt, man singt Oasis und Eric Clapton, aber meistens kann keiner den Text. Dann wieder wird ein türkischer Klassiker angestimmt, den jeder kennt. Emre, der von allen noch am meisten wie ein Arzt aussieht (keine Rastalocken, stattdessen Hemd und Schuhe) lernt Deutsch, er will in Deutschland im Krankenhaus arbeiten, aber erst muss er seine Pflichtzeit im Osten absitzen. Mit den Ärzten verhält es sich in der Türkei wie mit den Lehrern, es findet eine Umverteilung nach dem Studium statt, bevor man sich für einen Arbeitsort entscheiden darf. Emre und Dilay kommen aus Izmir, Levent aus Istanbul. Mir fällt auf, wie wenige Menschen ich bisher hier im Osten getroffen habe, die wirklich aus dem Osten kommen.

Am nächsten Morgen brennt die Sonne aufs Zelt und wir haben kein Wasser mehr. Unendlich lange dauert das Zusammenpacken, wir schwimmen noch kurz, doch der See ist salzig und hinterlässt einen öligen Film auf der Haut. Das komme von den Mineralien aus den Bergen, sagt man mir. Wegen des Salzgehalts würde der See auch im eisigen Winter niemals gefrieren. Ich werde heute bei Emre und Dilay schlafen. Ein Mitbewohner – noch ein Arzt – kocht Kichererbsen mit Reis und wir alle trinken Unmengen an Cola und Wasser. Am Abend treffen sich alle erneut in einer Bar, man kennt den Besitzer, man kennt gefühlt jeden hier in der Stadt. Mehr noch als in Mardin und Diyarbakir schmückt sich Van mit einem gewissen provinziellen Kurort-Flair. Dilay fühlt sich krank und versucht, mit einem Raki-Shot entgegenzuwirken, auch Emre hat Halskratzen und verteilt Pillen an uns alle.

An meinem letzten Morgen in Van nimmt Dilay mich mit in ein Frühstückscafé. Das Van-Frühstück ist über den Osten hinaus bekannt und übersteigt, ebenso wie der Vansee selbst, alle Maße: Die Königsklasse unter den türkischen Frühstücken umfasst gut und gerne 20 mit verschiedenen Zutaten gefüllte Tellerchen. Kuhmilchkäse, Schafskäse, Ziegenkäse, Fadenkäse, Frischkäse. Tomaten, Gurken, Oliven, Salat. Erdbeermarmelade, Feigenmarmelade, Schokocreme, Honig. Kaymak, Menemen, Brot und Cay. Außerdem zwei Spezialitäten: Etwas mit Mehl und Ei sowie ein Aufstrich mit Gries und Honig. Zum Abschluss gibt es türkischen Kaffee.

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Dilay, Emre und die anderen haben sich hier im Osten arrangiert, es lässt sich ganz gut leben für den Moment, aber bleiben will niemand. Nicht nur, dass die Stadt rund 1500 Kilometer von ihren Familien entfernt liegt, auch die Harmonie, die ich hier erlebe, ist nur temporär. In der Stadt sieht man viele Neubauten, nachdem bei dem Erdbeben 2011 über 2000 Häuser eingestürzt waren. Mehr als 570 Menschen starben damals. Zwischen Armeniern und Türken gibt es in der Gegend um Van noch immer Konflikte, sodass die Grenze zwischen den beiden Ländern geschlossen ist. Ich werde ganz bis in den Norden fahren müssen, um bei Artvin die georgische Grenze zu überqueren. Auch Van-Katzen habe ich keine gesehen. Schade eigentlich.

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