Mardin, in Eile.

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Mai 2015. Mehmet schultert meinen Rucksack, schiebt mich in den Stadtbus und in der Innenstadt angekommen wieder hinaus. Im Laden für Kaffee und Trockenfrüchte hat er einen Bekannten, stellt das Gepäck dort ab, greift sich ein paar Haselnüsse und zieht mich wieder auf die Straße. All das passiert in einem unglaublichen Tempo, sodass mir beim ersten Blick auf die orientalische Stadt schwindelt, vor deren Schönheit und vor Mehmets Eile.

In Diyarbakir hatten alle betont, ich müsse nach Mardin fahren. Mardin sei die schönste Stadt im türkischen Osten, vielleicht die schönste im ganzen Land. Ich zögerte wegen der geografischen Lage, gerade mal 40 Kilometer liegt Mardin von der syrischen Grenze entfernt. Daraufhin winkten die Diyarbakirer ab und ich fuhr trotzdem. Melek, meine Couchsurferin, hatte mir einen Gastgeber organisiert: Mehmet, Lehrer, kurdisch, mit dem besten Schnäuzer aller Zeiten, hätte mir ihr in Mersin Englisch studiert und dürfe wegen seiner besseren Noten in Mardin arbeiten, erzählte sie. Mardin als Belohnung – das klang vielversprechend.

Nach nur wenigen Minuten mit Mehmet in Mardin bin ich mir nun nicht nur sicher, dass mein Gastgeber der schnellste Mensch ist, den ich je getroffen habe, sondern auch, dass Mardin all das verkörpert, was man sich unter dem „Morgenland“ vorstellt. Kleine Gassen, in denen Handwerker und Händler ihre Waren anpreisen, die Lage auf einem Hügel inmitten wüstenhafter Einöde – der Himmel so weit, dass man nicht an eine Grenze glaubt, die dort bei gutem Wetter in Sichtweite liegen muss, und so friedlich, dass man schon gar nicht an den Bürgerkrieg glaubt, der dahinter tobt.

Wir stürmen auf die Burg, wo ein Frauenkreis Handarbeiten fertigt. Mehmet fragt nach, lobt, schmeichelt den alten Damen. Sie lächeln bescheiden. Dann wieder hinab auf Marktplatzhöhe, rauf auf eine Dachterasse, „lass uns Tee trinken“, ruft er und hat schon den Kellner herangewunken. Ich trinke einen Schluck, einen zweiten, Mehmet ist bereits fertig und trippelt mit den Füßen. Weiter geht es. Auf dem Weg zum Basar hören wir ein Geräusch, Trommelrhythmen. Wieder eine Treppe hoch, eine Mauer überquerend, auf der anderen Seite wieder hinab, folgen wir der Musik, bis wir in einem Innenhof stehen. Junge Männer tanzen im Kreis, in der Reihe, einer davon hat eine Trommel um seinen Bauch geschnallt und gibt den Takt an. Ein bisschen Hayal, das kurdische Tänzeln, kleiner Finger an kleinem Finger, die Füße seitlich voreinander setzend, ein bisschen Solo-Elemente, viel Lärm und fröhliche Erschöpfung. Mehmet wippt mit, hier kann er einen Moment verweilen. Vielleicht kommt er nur dann zur Ruhe, wenn die Außenwelt tanzt.

Wir gehen nun weiter zum Basar, über den ältere französische und britische Touristen schlendern. Die Angst vor dem Mittleren Osten wiegt wohl weniger als das Versprechen eines Reisebüros, hier würden sich Träume aus 1001 Nacht erfüllen. Die Werkstätten der Tischler, Schneider und Schmiede sind in bogenförmigen Räumen in die Stadtmauer gebaut. Ich möchte eine Haremshose kaufen, von der Art, wie die alten Männer sie hier tragen. Aus Anzugstoff, oben mit einer Kordel zu schnüren, vermischen sie Bequemlichkeit und Eleganz. Mehmet nickt, „machen wir“, sagt er und bringt mich zum Schneider, den er kennt, wie scheinbar jeden Zweiten hier. Der Schneider zeigt mir verschiedene Stoffe, in meiner Größe gibt es nur wenig Variation, doch durch die Kordel ist die Weite beliebig zu verändern. Zur Anprobe muss ich zum Laden gegenüber gehen, hier werden kurdische Tücher in allen denkbaren Farben angeboten. Ich finde eine Hose, bekomme den schweren Stoff in eine Tüte gepackt und Mehmet eilt weiter. Er kauft für uns Ayran aus Ziegenmilch, frisch, schaumig, eiskalt. Der Verkäufer will uns einen Platz anbieten, „brauchen wir nicht!“, ruft Mehmet aus, wieder bei seinem alten Tempo, und kippt das Getränk im Stehen hinunter. Ich habe mittlerweile Bauchschmerzen.

Aber dann nehmen wir den Bus zur Stadtgrenze, wo man von einem Hügel aus auf Mardin blicken, die Sonne beim Untergehen verfolgen und die aufflackernden Lichter der Innenstadt zählen kann. Wir knacken Sonnenblumenkerne, ein Mann mit Handy am Ohr reitet auf einem Esel vorbei, Kinder spielen im Olivenhain und stehen plötzlich mit einem Blumenstrauß vor mir. „Für dich, Abla!“, sagt das älteste Mädchen und wir schenken ihnen den Rest der Kerne. Auf der Rückfahrt zu Mehmets Wohnung reicht er mir einen Kopfhörer rüber, seine Musikauswahl ist erstaunlich ruhig und wunderschön. Zur Ruhe kommt Mehmet auch Zuhause, wo wir den Rest des Abends auf dem Sofa liegen und Tierdokus schauen.

Schulbesuch

Am nächsten Tag begleite ich meinen Gastgeber in die Schule. Dort unterrichtet er ebenso, wie er Stadtführungen gibt, eilt durch den Übungsbogen der Abschlussklasse, sodass kaum jemand mitkommt. In den Freistunden spielen wir Tischtennis. Die meisten Lehrer sind ebenfalls jung, der älteste der Gruppe ist Ende Zwanzig. Seit Mehmet seinen Schnäuzer habe, würden alle versuchen, mitzuziehen, aber bei keinem wüchse das Barthaar so dicht und so schwarz wie bei ihm, will Mehmet mir stolz weismachen. Ein älterer Lehrer kommt irgendwann ins Foyer und ermahnt uns, wir sollten nicht so laut sein, wir würden den Unterricht stören. Hier sind alle noch auf der Kippe vom Schülerverhalten zur Respektperson, aber werden von den Schülern umso kompromissloser angehimmelt. Die Hälfte der Mädchen ist in Mehmet verliebt. Im Lehrerzimmer klopft eine Schülerin an, ob sie irgendetwas bringen soll. Kurz darauf kommt sie mit Kaffee und Schokolade wieder. Die anderen wundern sich, dass in Deutschland die Schüler ihre Lehrer nicht bedienen. Das Wort „Einschleimen“ ist nicht leicht zu übersetzen.

Ich besuche auch den Deutschunterricht. Man übt die Uhrzeit und Yilmaz, der Lehrer, demonstriert Aussprache anhand von Karateschreien. „Es ist fünf U-HA“ ruft er und untermalt das ganze mit einem Kick in die Luft. Den Rest der Stunde machen die Schülerinnen Selfies mit mir. Am Abend gibt es ein Fußballspiel, Mehmets Mannschaft gewinnt und er guckt so, als sei er das gewöhnt. Als wir danach das Basketball-Finale ansehen, fühle ich mich in dieser Gruppe, die mich so selbstverständlich an ihrem Leben teilhaben lässt, schon ganz zuhause. Der einzige Unterschied zu meinen Freunden in Deutschland ist wohl, dass die Jungs keinen Alkohol trinken. „Wegen der Religion“, sagen sie einfach und wirken darüber mit sich selbst ziemlich im Reinen. Abends wird stattdessen Tee gekocht.

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„Komm mal wieder!“, sagen sie zum Abschied und ich nicke unbeschwert, noch nicht wissend, dass nur wenige Wochen später wieder Unruhen ausbrechen würden. Dass die Wasserwerfer auf die Straßen von Diyarbakir zurückkehren und über ganze Stadtteile von Mardin Ausgangssperren verhängt werden würden.

Ich fahre nun weiter in Richtung Van, meine letzte Station vor Georgien. Eine lange Fahrt liegt vor mir, doch nach den schnellen Tagen mit Mehmet in Mardin ist die Bewegungspause auch angebracht.

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