Albona – Portrait einer jungen Frau in einem noch jüngeren Staat

DSC02710Pristina ist ein Lied vom Neuanfang. Die Straßen in der Fußgängerzone sind voll, aber ruhig, die Stimmung gedeckt und gespannt zugleich. Hin und wieder tut sich eine Straße durch Chaos hervor, das jedoch stillsteht, sobald jemand selbstbewusst genug zur anderen Seite überschreitet. Den Neuanfang proklamiert prominent der Schriftzug „Newborn“, der im Jahr 2008 zur Unabhängigkeitserklärung des Landes im Stadtzentrum aufgestellt wurde. Demnach wäre der Kosovo ein sehr junger Phönix – und was wir von Phönixkindern wissen, ist, dass sie wie Schwanenjunge hässlich sind. Die Hauptstadt Pristina kümmert sich nicht groß um die Aschekrümel, die ihrem zottigen Gefieder anhaften. Sie schüttelt sich täglich und fabriziert damit einen Sound, der von außen klingt wie Säbelrasseln, von innen jedoch wie der Beat zum Tanz. Und was in Wahrheit dabei vor sich geht, ist die Ego-Reanimation einer Stadt, die explosionsartig auseinander stob, deren junge Menschen aber jetzt, 15 Jahre nach dem Krieg, aus der Schweiz und aus Deutschland zurückgekehrt sind und einfach nicht damit leben wollen, an einem Ort der Traurigkeit und der Stimmlosigkeit ihre Talente versickern zu lassen.

Pray for Visas!

„Free Walking Tour“ schreibt das Plakat aus, das an der Rezeption befestigt ist, und weil ich seit Mostar vergeblich nach Literatur über den Kosovo suche, melde ich mich noch am selben Tag an. Die Führung übernimmt eine sehr junge Frau, Albona*, und sie ist äußerst wütend. „This city is fucking destroyed“, leitet sie ein und lacht, „but I’ll show you what’s left“. Ihren rechten Zeigefinger ziert ein übergroßer Ring. „Klunker“ hätte man früher wohl dazu gesagt, aber heute ist das Ironie und passt hervorragend zu Albona und auch zu dieser Stadt. Albona schmückt sich ohnehin mit viel Schwere. Ihr Lachen klingt rau und sie verzieht ihren Mund dabei meistens so, dass man das Lachen nicht sieht. Ihr Englisch ist makellos wie ihr Stil, der an Berlin-Kreuzberg erinnert. Bereits an der ersten Ecke bleiben wir stehen, hier hängt ein Plakat des Premierministers, des „beschissendsten Mannes der Welt“. Hashim Thaci würde im Dezember 2014 erst von Isa Mustafa abgelöst und dann im Februar 2016 zum Präsidenten gewählt werden. Albona schimpft minutenlang über den Politiker unter unseren betretenen Blicken: Außer mir noch ein Asta-aktiver Student aus München und ein Australier. Wir alle wissen nicht viel über dieses Land und sind nun plötzlich mitten drin. Ein paar Ecken später ist es Zeit für Sehenswürdigkeiten: Die Große Moschee, aus der gerade zum Gebet gerufen wird, der Markt, das Kosovo Museum. Nicht ohne Stolz zeigt Albona uns traditionelle Schnitzarbeiten, schiebt aber den lakonischen Satz hinterher, „well, we love details“. Dann lacht sie wieder.

Dem deutschen Asta-Studenten passt das Format dieser Führung nicht. Wie Albona uns voran durch die Straßen stolziert, Anekdoten präsentiert und vor allen Dingen einen Haufen Meinungen. Es geht um Ibrahim Rugova, ehemaliger Präsident und Verfechter der gewaltlosen Revolution, als ihm schließlich der Kragen platzt. Albona bezeichnet den Mann in ihrer wütend-direkten Art als „Feigling“. Wir, die wir in Deutschland schon im Kindergartenalter eingetrichtert bekommen, dass Gewalt keine Lösung ist, sehen das natürlich von einer anderen Warte. Das trägt der Münchener nun empört vor. Und obwohl ich ihm Recht gebe, dass diese Stadtführung die subjektivste war, der ich je beigewohnt habe, halte ich eben das für grandios. Eventuell muss man außerdem demjenigen, der unter Unterdrückung und Bombenhagel aufgewachsen ist, auch eine andere Sicht auf Gewaltlosigkeit zugestehen.

Gewaltlose Aktionen aber führen Albona und ihre Freunde selber durch: Der Schriftzug „Newborn“ bekommt seit seiner Installation jedes Jahr ein neues Design. Als die Wahl 2014 auf militärische Camouflage fiel, machten sich die jungen Leute nachts auf den Weg, um das Monument über und über mit Herzen zu versehen, um den aggressiven Look zu relativieren. Die Message jedoch scheint bei der Polizei nicht angekommen zu sein: Einige der AktivistInnen mussten für die Aktion ein paar Tage in Haft verbringen.

Die Führung endet in der noch unfertigen Mutter-Theresa-Kirche. Im Kirchenschiff können wir beobachten, wie Säulenhohlräume mit Beton verkleidet werden, um massiv zu erscheinen – und als Zeuge dieses Vorgangs wirkt alles hier wie Fake. Wir lassen uns auf den Plastikstühlen nieder, die noch nicht gelieferte Kirchenbänke ersetzten und Albona beendet ortsangemessen ihre Führung mit einem Aufruf: „Pray for Visas!“ Das sei es, was die jungen Kosovaren brauchten. Sie wollen reisen, raus aus diesem Moloch Pristina, zu dem Albona trotz allem eine Hassliebe verbindet. Die Koordinaten der „makellosen“ Stadt, deren Name jetzt ironisch anmutet wie so vieles hier, hat sich Albona sogar auf den Rücken tätowieren lassen.

The place to be

Abends wollen wir ausgehen, der Australier, Albona, ich. Die Zeitschrift Kosovo 2.0 schmeißt eine Party und die ganze Pristinaer Künstlerszene ist vertreten. Albona erscheint im Berghain-Look, schwarzes Oversize-T-Shirt, dunkler Lippenstift. „If you’re into drugs, I can organize you anything“, sagt sie am Eingang des Clubs. Es fällt mir nicht schwer, das zu glauben. Auf der Tanzfläche weist sie nach links und nach rechts, hier die bekannteste Modedesignerin des Landes, dort die Herausgeberin von Kosovo 2.0. Die Party lebt von ihrem Fame und ihrer Alternativlosigkeit. Ich lasse mich fast zu einem Facebook-Post hinreißen: Pristina is the place to be! Denke dann aber, in Berlin würde mir niemand glauben.

Am nächsten Tag treffe ich Albona erneut zum Kaffee im Café Dit‘ e Nat‘ – Tag und Nacht. Wir unterhalten uns dort mit ihren Freunden, einem Schweizer und seiner kosovarischen Freundin, die ebenfalls in der Schweiz gelebt hat. Sie planen ein Kunstfestival in der leerstehenden orthodoxen Kirche im Stadtzentrum, die unnahbar und ausgrenzend den serbischen Standpunkt vertritt. Im Dit‘ e Nat‘ hatte Albona vor kurzem einen Auftritt, sie singt. Eher nebenbei erwähnt sie, dass sie die Castingshow The Voice of Albania gewonnen hat, mit 18 Jahren. Albona verschlingt im Stehen ein Stück Schokoladenkuchen, dann machen wir uns auf den Weg zu ihrer Familie. Ihre Mutter legt gerade Paprika ein und zaubert aus dem Stegreif ein perfektes Abendessen. Der Vater, Musiklehrer, hat Albona und ihren Bruder von klein auf unterrichtet. Der Bruder ist 16 und Beatboxkünstler. Er scheut sich nicht, mir eine Kostprobe zu geben und erzählt dann, dass er davon träumt, in Berlin an einem Battle teilzunehmen. Albona schließt ihre Zimmertür hinter uns ab und öffnet das Fenster, „my parent’s shouldn’t know that I’m smoking“, sagt sie und lässt sich im Schneidersitz auf dem Bett nieder. Jetzt fällt mir wieder auf, wie jung sie ist. In der Ecke steht ein E-Piano und während ich den kleinen Hund Rosa davon abhalte, eine Strumpfhose zu vernichten, spielt Albona ein Stück von Björk und singt dazu mit einer Gänsehautstimme, die das kleine Mädchen wieder vollends verschwinden lässt, dazu aber auch ihre schnodderige Abwehrhaltung.

Was die Stadt Pristina auszeichnet, ist ihre Abgesondertheit. Pristina ist ein eigenes Universum, in dem alles möglich zu sein scheint – alles außer der freien Bewegung. Natürlich bringt das unendlich viele Einschränkungen mit sich, wie die Unmöglichkeit, zu studieren, was man will, oder zu leben, wie man will. Konservative Mitbürger und Politiker machen den jungen Leuten das Leben schwer. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast 70 Prozent. Was aber dann die Vorteile sind: In Pristina kennt jeder jeden. Die Schwelle zu Musikern, Künstlern, bekannten Designern ist niedrig, man besucht einfach die gleichen Partys oder Cafés. Die Chance, selbst etwas umzusetzen, ist nicht zuletzt dadurch gegeben, dass ein Großteil der jungen, begabten Menschen das Land verlässt. Diejenigen, die bleiben, werden Verleger, Kuratorinnen, Manager von Kulturfestivals. Das Land braucht Menschen wie Albona und ihre Freunde, die kreativ, politisch und weltoffen einen Wandel einleiten, bei dem der jüngste Staat Europas nur dazugewinnen kann. Mein Aufruf ist: Fahrt nach Pristina! Denn die Stadt benötigt letztendlich auch den Tourismus und Menschen, die verbreiten, dass es nicht immer Makellosigkeit braucht, um attraktiv zu sein. Pristina is the place to be!

*Name geändert

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