Diyarbakir

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Der Busbahnhof von Nevsehir, auf einem Plateau liegend, strahlt Transit aus und nichts als Transit. Ich fahre mit dem Nachtbus nach Diyarbakir, mit einem Busunternehmen namens Star Batman, das erste Mal meine noch nicht überschrittene Ostgrenze überquerend, die direkt hinter Kappadokien verläuft.

Der Fernbus ist kleiner als die üblichen Brummer von Metro oder Kamil Koc, er ist zudem sehr leer. Es werden keine Snacks serviert, wie es sonst üblich ist, dafür aber Tee in Massen. Mit dem namensgebenden „Batman“ ist nicht etwa der Comic-Held gemeint, sondern die gleichnamige ostanatolische Stadt. Unser erster Halt zum Anbruch der Dunkelheit ist nun der Busbahnhof von Kayseri. Ein junger Mann in Bomberjacke trägt ein glitzernd verziertes Tuch um die Schultern, rot, mit dem türkischen Halbmond-Emblem. Seine Freunde bilden ein menschliches Trampolin, sie schleudern ihn hoch in die Luft, wieder und wieder, dabei Slogans brüllend, aus denen ich das Wort „Asker“ für „Soldat“ verstehe. Dies ist eine Verabschiedung zum Militärdienst. Die Familie steht ein paar Meter weiter und filmt das Geschehen, dann fängt das Abschiednehmen an. Es wird umarmt und auf die Schultern geklopft, von den Freunden abgeschirmt eine letzte Zigarette geraucht, in den Bus gestürmt, wieder hinausgetaumelt, bis sich das riesige Gefährt schließlich in Bewegung setzt. Die bisherigen Rufe gehen in Allahu Rehber Rufe über. Dann fahren auch wir wieder ab. Ich schlafe in Wellen und immer wenn ich die Augen öffne sind da Kangal-Rudel unterwegs in der ostanatolischen Weite. Inmitten dieses Szenarios halten wir an, der Busboy flitzt nervös umher und weckt den Zweitfahrer auf, es gibt ein Problem. Ich lerne, dass Star Batman kein Star ist und erst recht kein Superheld. Etwas ist kaputt aber niemand redet. Schließlich rollt ein anderer Bus heran, die Reifen werden abgeklopft, mit diesem scheint alles in Ordnung zu sein. Wir steigen um und es geht weiter. Am Morgen kommen wir in Diyarbakir an und ich kann nicht glauben, dass es hier ist, weil hier nichts ist.

In Diyarbakir anzukommen ist wie in Banja Luka anzukommen, in Podgorica oder einem ähnlichen Ort, an den keine Touristen kommen. Man starrt. Unterzutauchen ist hoffnungslos. Der Bus hält in einer Trabantenstadt, es gießt in Strömen, das Internet-Café hat geschlossen, man hat Verwandte in Berlin. Beim Gehen klappen Bodenplatten hoch und lassen Wasserschwälle über Füße tanzen. Nur noch über die große Straße – aber da ist ein Fluss aus Regenwasser, der unüberquerbar erscheint. Der Mann vor mir macht einen großen Sprung, ich finde eine Insel, an meinen Füßen bleibt lehmiger Schlamm, ich finde den Minibus, beschlagen und voll, passe gerade noch rein und dann wie von Zauberhand noch fünf weitere Menschen. Die Altstadt ist voll und historisch, das Hotel Kent ist schäbbig und preislich unschlagbar. Mein Fenster zeigt auf einen Zwischenboden voller Ventilatoren, ich öffne stattdessen lieber die Tür zum Atrium.

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Am Nachmittag treffe ich Melek von Couchsurfing. Sie kann mich nicht bei sich aufnehmen, aber sie hat sich bereiterklärt, mir die Stadt zu zeigen. Melek begrüßt mich herzlich, hakt mich unter und wir gehen durch wuselige Seitenstraßen in denen gezimmert und geschweißt wird zu einem Innenhofcafé. Der berühmte Menengic-Kaffee der Region wird direkt in der Tasse auf offenen Flammen aufgekocht, mit Milch und ein wenig Zucker. Er hat den beruhigenden Faktor von heißer Schokolade. Melek ist erst vor kurzem aus ihrer Heimatstadt Mersin hergezogen, im Rahmen der Verteilung von Angestellten im öffentlichen Dienst auf die Ostgebiete des Landes. Lehrer und Ärzte müssen nach dem Studium ein paar Jahre im Osten arbeiten, bevor sie sich in anderen Regionen bewerben dürfen.

Melek erzählt mir, dass Diyarbakir früher auf der Seidenstraße lag und deswegen von der typischen Karavanserai-Architektur geprägt ist. Marktgebäude mit verwinkelten Teestuben boten den Händlern Verkaufs- und Rastmöglichkeiten. Wir besichtigen gemeinsam die zentrale Moschee und die Meryem- (Marien-) Kirche. Der Priester ist tieftraurig in seiner ganzen Gestalt. Als wir weitergehen ist da eine junge Frau in bäuerlicher Kleidung, die uns Englisch sprechen hört und strahlt: Seid ihr Touristen? fragt sie, und Melek bejaht. Die Frau freut sich so sehr darüber, dass es mich rührt. Am nächsten Tag begrüßt mich ein alter Mann mit Gebetskette im Park, auch er fragt mich nach meiner Herkunft aus. Grüße nach Deutschland! Ruft er zum Abschied und wünscht mir einen schönen Aufenthalt. Für eine Stadt, die sich 15 Jahre aufgrund der Kurdenkonflikte im Ausnahmezustand befand, in der auch heute noch Wasserwerfer zum Straßenbild gehören, sind Touristen etwas wertvolles.

Am nächsten Tag suche ich das Restaurant Gabo auf, das sich hier, in den fleischlastigen Regionen, mit veganer Küche versucht. Der Name Gabo kommt von dem Schriftsteller Gabriel García Marquez, den die Eigentümer mögen und deshalb würdigen wollten. Fotos und Zitate des Kolumbianers gehören zur Einrichtung. Das Essen dann aber ist nicht strikt vegan, es gibt Köfte aus Aubergine, Kartoffel und Käse, mit Yoghurtdip. Vielleicht müssen die Toleranzgrenzen der Diyarbakirer erst langsam angetastet werden.

Abends ist das Hotel voller Männer. Man hört das Knacken von Sonnenblumenkernen und schlecht verstärkte Handymusik aus dem offenen Nachbarzimmer. Ich suche noch nach der Antwort auf die Frage, was ich hier will, die zwar niemand mit der Stimme ausspricht, aber alle mit den Augen. Ich kam und sah, geht mir durch den Kopf und das trifft es in den meisten Fällen ganz gut. Ich komme, um zu sehen, ich komme – und sehe – und gehe – weiter, weiter.

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2 Gedanken zu “Diyarbakir

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