Koh Rong, Paradise on Earth

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Als wir ein sonnengeblendetes Selfie schießen und auf Facebook stellen, lautet der verfügbare Orts-Tag „Koh Rong – Paradise on Earth“. Wir sind schon seit drei Tagen hier und an Abfahrt ist nicht zu denken. Wir strecken gemächlich die Beine in die Sonne und geben Facebook ausnahmsweise recht. 

Die Hinfahrt erfolgt mit dem Bus, mit dem Tuk Tuk, dem Speed-Boat und schließlich einer kleinen Holzbarke in Meeresblau. Eine Katze huscht über die Felsen und ich wundere mich noch über ihre gebückte Haltung und den gebogenen Schwanz, bis ich erkenne, dass es sich um ein Äffchen handelt. Das Boot pflügt durch das türkisblaue Wasser einmal halb um die Insel, wo ein paar Kilometer Urwald unser Bungalow vom Bar-Bestückten Hauptstrand trennt. Berlin ist noch zu nah, oder Istanbul, oder Nantong – wir haben alle drei unsere Großstadt-Gründe, menschlichem Lärm zu entfliehen.

Die fingerartigen Palmenblätter scheinen im Wind ungeduldig auf eine imaginäre Tischkante zu klopfen. Worauf sie warten, wissen wir erst, als kurz nach unserer Ankunft der Regen einsetzt, der sich unerwartet, wie er in der Trockenzeit kommt, verstohlen auch wieder verzieht. Am Bootspier sitzt eine ältere Frau, ein Schoßhündchen im Schwitzkasten, das geschoren wird wie ein Schaf. Alle Hunde hier haben vorgeschobene Unterkiefer und den perfekten Bettelblick. Sie sehen aus wie aus der Handtasche Paris Hiltons entsprungen und anschließend in einen kräftigen Regenschauer geraten.

Zu Mittag essen wir in einem dieser Shops, die wie Garagen wirken und neben ihrer Restaurant-Funktion das Wohn- und Schlafzimmer für eine 8-köpfige Familie darstellen. Ein Baby spielt mit nacktem Hintern, die Geschwister machen sich einen Spaß daraus, die eben gebrachten Dinge von unserem Tisch zu stibitzen –  ein Päckchen Servietten, eine Gabel, ein Schälchen Chili. Als sich um das Baby herum eine Pfütze bildet, wird ohne großes Aufheben der Hintern abgewischt. Zwei schwanzlose, identische Kätzchen tauchen auf, werden von den Kindern ins Regal gesetzt, an einer Pfote wieder heruntergezogen und, jedes auf dem Arm eines gerade mal vierjährigen Jungen, zum Wrestling gezwungen. Die völlig paralysierten Tiere sind entweder geistig minderbemittelt oder alles gewöhnt – oder eins aus der Folge des anderen. Aber natürlich sind die Kinder zuckersüß, geben uns unseren Chili mit breitem Lächeln zurück und winken Hello und Bye bye. Vermutlich, weil diese Seite der Insel noch nicht der Invasion unterlaufen ist, weil Touristen wie wir hier noch irgendwie witzig erscheinen, mit unseren bunten Rucksäcken und den in Asien gefertigten, aber auf dem Berliner Karneval der Kulturen gekauften Stoffhosen.

Auf Koh Rong, so sagt man, soll es Leuchtplankton geben, das in mondlosen Nächten sichtbar wird. Leider ist Vollmond und keine Wolke mehr am Himmel. Bei unserer Suche am Strand stoßen wir aber auf eine andere Lichtquelle, eine Scheune, aus der laute Musik dröhnt. Beim Näherkommen erkennen wir eine Gruppe kambodschanischer Männer, die um einen Tisch herum sitzen, Angkor-Bier trinken und Karaoke singen. Die Boxen-Wand ist so mächtig, dass sie ein ganzes Festival versorgen könnte und sogar ihren eigenen Stromgenerator übertönt. Nun gibt es kein Zurück mehr: Man hat uns gesehen und das Dosenbier geöffnet. Zwar können wir nicht Karaoke singen – die Songs sind ausschließlich Khmer-Romanzen – aber um die Tische tanzen, das könnten wir schon, sagt der Jüngste der Gruppe. Kurz darauf werden wir Mädchen im Takt gewiegt, etwas ungelenkt, aber mit Gefühl. Nach dem Song bringen uns die Tanzpartner zu unserem männlichen Begleiter zurück, mit Worten der Entschuldigung, dass sie uns zum Tanz „ausgeliehen“ hätten. Danach wird ein Disko-Song ausgelegt, wir tanzen gutgelaunt – zumindest zwischen den Tischen – während mittendrin ein Junge schläft.

Nhean spricht ein gutes Englisch, er arbeitet für eine NGO. In Kambodscha über Politik zu sprechen ist noch immer heikel, zu viel ist passiert. Jetzt, in der Regierung, gäbe es immer noch ehemalige Rote Khmer. Der Premier selbst, seit dreißig Jahren an der Macht, war damals der jüngste Premierminister Asiens und mittlerweile der am längsten herrschende. Wenn man etwas wolle, so Nhean, führt kein Weg an ihm vorbei. Ohne die Unterstützung des Premiers wäre jedes Projekt dazu verurteilt im Sande zu verlaufen. Nicht allen am Tisch ist das Gespräch angenehm, wir Ausländer sollen die Sonne genießen, die Strände, das Angkor-Bier, „Cambodia’s Pride“. Wir sollten uns Angkor Wat ansehen, sagt auch Nhean, das sei die wirkliche kambodschanische Kultur, nicht die Karaoke-Bars bei Nacht. Natürlich werden wir Angkor Wat angesehen, aber zum Glück sind wir in diese Bar gekommen. Selbst später haben wir nirgendwo mehr über das Land gelernt.

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2 Gedanken zu “Koh Rong, Paradise on Earth

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