Phnom Penh – Ein Intro

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Wo der letzte Rest Licht herkommt, weiß ich nicht. Wir fliegen in eine Nacht hinein, die nicht meine ist und ein kleines Leuchten am Boden muss eine Metropole sein, die Lichtquelle jedenfalls ist es nicht, die ist irgendwie inhärent. Mein ganzes neues Fluguniversum scheint einfach nicht stockdunkel zu werden.

Innen drin herrscht eine Geschäftigkeit wie in einem Bienenstock, schließlich arbeitet man daran, uns die Zeit vergessen zu lassen, uns in eine neue Zeitlichkeit hinübergleiten zu lassen. Und ich habe einen knappen, sehr knappen Quadratmeter Flugzeugsitz für mich, verstehe das Amerikanisch der Filme gemischt mit dem Dröhnen der Triebwerke nicht, sehe die sich aneinanderklammernden Daumen und Zeigefinger meiner taiwanesischen Sitznachbarin und bin trotz allem oder auch wegen allem voller Freude.

Bei der Landung schlägt uns übermäßig viel Blau entgegen. Blaue Dächer und rotes Land – ansonsten erscheint mir die Fremde nicht so fremd wie erwartet. Am Hostel-Pool räkeln sich Menschen, bei denen sich viel um die Happy-Hour der Hostel-Bar zu drehen scheint. Ich schlafe 6 Stunden, trinke meine erste Kokosnuss, schlafe nochmal 12 Stunden und bin bereit für die Stadt.

Das Lächeln der Kambodschaner legt zum Scherzen auf. Es sagt, „Na komm schon, wir kennen doch beide das alte Touristenspiel, ich Driver, du Lady – so wollt ihr es doch, so ist es doch beschrieben in eurem kleinen Lonely-Planet-Universum und wir spielen gerne mit. Also steig schon ein in mein Tuk Tuk – oder lass es eben sein.“ Die meisten bieten uns eine Fahrt zu den Killing Fields an, einem der Orte, an dem unter Pol Pot zahlreiche Menschen hingerichtet wurden. Der Ort liegt acht Kilometer außerhalb von Phnom Penh und ist damit die längste und lohnenswerteste Strecke für einen Tuk-Tuk-Fahrer. Wir fangen an mit dem Tuol Sleng Gefängnis, das in der brütenden Hitze die dunkle Vergangenheit des Landes wie unter einem Spotlight beleuchtet. Hier hat zwischen 1975 und 1979 kaum einer überlebt. Das Gold des Königspalastes im Anschluss schimmert ironisch auf die Straßen ringsum, in denen Menschen in Hängematten schlafen, die ihr Zuhause sind, neben kleinen Verkaufsständen, die ihren Lebensunterhalt darstellen. Jetzt, in der Trockenzeit, sieht das alles recht einfach aus, aber die Vorstellung, wie es ist, wenn die Straßen zu Schlamm werden und der Regen von allen Seiten in die offenen Holzhütten peitscht, reicht, um zu wissen, dass das Leben hier noch immer nicht einfach ist.

Am nächsten Tag lassen wir uns schließlich zu den Killing Fields fahren und geben uns etwa zwei Stunden lang der Stimme des Audio-Guides hin, der in ruhigem, respektvollen Ton von den Gräueltaten erzählt, die hier geschehen sind. Es ist eine merkwürdige Atmosphäre, wie ein paar Dutzend Ausländer auf diesem Feld in der Sonne herumlaufen, mit ernsten Gesichtern und Kopfhörern auf den Ohren, aber es ist gut, denn über das Erzählte kann ohnehin niemand reden, da ist besser jeder für sich. Benommen von Inhalt und Hitze gehen wir zurück zu unserem Fahrer, der uns angrinst und fragt, „Und, wie wäre es jetzt mit einer Fahrt zur Shooting Range?“ Die Shooting Range ist ein Ort, an dem man eine breite Palette an Waffen ausprobieren kann – Kriegstourismus vom feinsten. Wir lehnen dankend ab.

Am Abend sitzen wir an der Promenade und treffen Joseph, der sich mit einem Bier zu uns gesellt. Seine Freundin habe gerade mit ihm Schluss gemacht, meint er und leert das Bier, das nicht sein erstes ist, da brauche er jemanden zum reden. Er redet, davon, dass Geld nicht zählt im Leben, kauft sich zwischendurch noch ein Bier und wiederholt das gleiche, mantrahaft. Ein beinloser Bettler wird auf einem Karren an uns herangeschoben, Joseph bittet uns, dem Mann doch tausend Rhiel zu geben, er habe mit seinen letzten gerade das Bier bezahlt. Als wir schließlich gehen, ist er so traurig, wie nur ein betrunkender Mann mit Liebeskummer traurig sein kann.

Wir haben Phnom Penh gesehen und es war ehrlich mit uns. Phnom Penh ist das Intro zu einem Land, in dem viel gewartet wird – an Straßenecken, Highways und Plätzen jeder Art wartet immer jemand, auf dem Moped, im Tuk Tuk oder in der Bar, auf irgendetwas unbestimmtes. Ein Land, in dem viel passiert ist – zu viel – und auch jetzt viel passiert, auf verschiedenen Realitätsebenen. Denn während auf einen Seite auf Tourismus-Theaterbühnen gespielt wird, für und mit uns, findet auf der anderen  Seite ein Alltag statt, der sich aus der Ferne betrachtet aus Karaoke-Bars und staubbedeckten Überlandbussen erschließt. Um dieses zu finden steigen auch wir in den Überlandbus Richtung Süden, um dann einen Monat lang das Land zu erkunden.

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