Es werden Schlösser gebaut

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Skopje, die Theaterkulisse, Skopje, das mazedonische Disneyland. Wer hier länger als eine Minute stehenbleibt, wird für eine neue Statue gehalten. Die Gerüchte um diese Stadt sind so lockend wie unverständlich. Und wenn man einmal dort ist, plötzlich völlig klar.

Er wolle nach Deutschland gehen, sagt der alte Schnitzer und winkt einen Cayci heran, um mir Tee zu bestellen. In Deutschland könne er Asyl beantragen. In Deutschland könne er Geld verdienen, mehr als hier. Er ist Albaner, wir sprechen Türkisch miteinander und meine Sprache bleibt auffällig verhalten, denn mit dem Geschmack von Tee aus kleinen Gläsern und Gebäck als Zeichen der Gastfreundschaft fällt es mir schwer, von der deutschen Asylpolitik zu sprechen. Dass dort nichts einfach sei, vieles wahrscheinlich nicht besser, aber was weiß ich denn schon von hier. Ich bin vor zwei Stunden in Skopje angekommen.

Im Bus vom kosovarischen Prizren nach Skopje komme ich mit einem Studenten ins Gespräch. Dzenis kommt aus den Bergen Südkosovos, liebt wandern und die Natur und studiert in der mazedonischen Hauptstadt. In Skopje angekommen mache ich mich auf den Weg ins Hostel und verabrede mich mit Dzenis zu einer Stadtführung, später, am „Brunnen mit den vielen Statuen“. Dass diese Beschreibung als Treffpunkt in Skopje nichts taugt, merken wir nach längerer Wartezeit. „Wo bist du?“ schreibt Dzenis, ich antworte, hier sei ein Brunnen mit vielen Statuen und Löwen. Bei ihm auch, meint er und als ich mich umsehe, entdecke ich den viel größeren Brunnen mit noch zahlreicheren Statuen ein paar Meter weiter – und dann auch Dzenis. Es stellt sich heraus, dass er die Stadt selber noch nicht gut kennt, wohl aber ihren Macchiato, den er mir empfielt. Am Flussufer getrunken schmeckt er täuschend nach Italien. Neben uns ragt ein halbfertiges Schiff aus dem Wasser, das aus dem Märchenbuch entsprungen sein könnte – sein Zweck ist unklar.

„Die Regierung kümmert sich nicht um ihre Arbeitslosen“, meint der Schnitzer, mit dem ich in der türkischen Altstadt ins Gespräch gekommen bin. Ich sehe jetzt, dass er gar nicht so alt ist, irgendetwas in seiner Haltung hatte mich getäuscht. Vielleicht ist es, weil er nicht so gerade und stramm steht wie all die mittelwichtigen Männer aus Metall auf den Brücken, an den Plätzen und Brunnen, die von der besagten Regierung dort in den vergangenen Jahren installiert wurden. „Stattdessen bauen sie Statuen“, fährt er dann auch fort und spült seine Bitterkeit mit bitterem Tee herunter. Der Tee ist so stark, dass er auf den Zähnen einen Belag hinterlässt wie Wüstensand.

Was ich mir nun ansehen will, ist das Roma-Viertel, Shutka. Der Lonely Planet spricht davon als eine Art Attraktion für fortgeschrittene Backpacker und auch wenn das geschmacklos ist, scheint ein Besuch Shutkas mir eine guten Gelegenheit, der Disneylandharmonie zu entkommen. „Shutka ist anders als alles, was du bisher gesehen hast“, meint der Rezeptionist meines Hostels vielversprechend, als er mir die Buslinie nennt und das schürt nun doch klischeebehaftete Erwartungen von kleinen Hütten, Wohnwagen vielleicht und barfüßigen Kindern. In Shutka angekommen umgibt mich ein Markt, Kinder springen auf ungepflasterten Straßen über Pfützen und Katzen und Hunde teilen sich friedlich ein Mahl. Ein paar der erwarteten kleinen Hütten gibt es auch, aber was ich sonst sehe, macht mich sprachlos: Hier werden Schlösser gebaut.

 

Die teils fertigen, zum größten Teil aber noch nicht beendeten Häuser haben Türmchen und geschwungene Zäune. Vor jeder Hauseinfahrt steht ein BMW, ein Mercedes, ein Audi, manche davon mit Schutzfolie abgedeckt. Einige Wände sind in gold gestrichen. Was hier passiert, geht mir durch den Kopf, ist das Szenario, wenn man Kindern vorgibt, ihr Traumhaus zu malen. Genau diese Traum-Häuser stehen hier, ihren ärmlichen Nachbarn hochnäsig ein, zwei Stockwerke überlegen – wer hat, der hat, wer nicht, der nicht. Wo eine Wand aber noch nicht ganz gepflastert ist, hängt schon mal ein Teppich, um die Lücke zu füllen, wo eine Gartenbank fehlt, hat man ein Provisorium aus Autositzen gebaut. Am Straßenrand wird allerhand verkauft, ein Stand bietet Hühnchenfleisch und gebrannten CDs an, andere Haushaltswaren oder Kleider. Beim Bäcker gibt es nichts ohne Fleisch, außer trockenen Brötchen, die unerwartet erstklassig schmecken. Während ich esse, lasse ich mich beobachten, denn der Austausch ist wichtig, das Geben und Nehmen von Blicken. Wer ansehen will, muss sich auch ansehen lassen, das habe ich jetzt gelernt.

Am nächsten Tag fahre ich mit Dzenis zum Canyon Matka. Wir wandern, trinken Macchiato und genießen die Abwesenheit alles künstlichem, der stummen Blicke von kaltem Metall. Am Nachmittag fahre ich weiter nach Ohrid. Wie gut, dass ich in Skopje nicht versteinert bin.

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