Die Schweiz des Balkans

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Ein Tag in Dubrovnik reicht aus, dass ich genug habe von Touristenstädten. Daher überspringe ich auch die Bucht von Kotor, von der alle so schwärmen und steige hinter der montenegrinischen Grenze direkt in den Minibus nach Podgorica. Unterwegs wird dieser sehr voll, Menschen stehen stundenland im Gang und als wir vor der Stadt in einen Polizeistopp geraten, wird der Fahrer nach Blick auf den Fahrtenschreiber zu einer halben Stunde Pause gezwungen. Wir sind im Tal und in einem der trostlosesten Industriegebiete. Ich denke an Kotor und daran, dass man manchmal doch darauf hören sollte, was als schön gilt und was nicht. Podgorica ist für seine Häßlichkeit bekannt, jedoch die richtige Wahl, wenn es um Touristenlosigkeit geht. Ich frage am Busbahnhof nach einem Hostel. Ich frage: ‚Do you know any Hostel?‘ Die Antwort ist: ‚No.‘ Ich werde unsicher und will mich selbst überzeugen. ‚Do you know any Internetcafe?‘, versuche ich es somit, aber plötzlich meint die Frau, mich kritisch musternd, ‚I know two Hostels.‘ Aha. Sie kreist mit dem Kugelschreiber Flächen auf einer übersichtlichen Karte ein und ich mache mich auf den Weg.

Dabei komme ich durch das Altstadtzentrum, das aus einem historischen Uhrturm besteht, wie man sie in dieser Gegend der Welt in vielen Städten anfindet. Etwas so unschuldiges wie ein Zeitinstument wird wohl auch in den wildesten Kriegen für gewöhnlich nicht zerstört. Während ich laufe, denke ich über den traurigen Werdegang der Uhren nach, denen man einst solch hübsche Sockel in den Stadtzentren errichtete, bis sie stetig kleiner wurden, unter Jackenärmeln verschwanden und schließlich als digitale Handyanzeige die Berechtigung zu einem eigenen Korpus verloren. Wo das Hostel sein soll, finde ich schließlich nur Park. An einem der Eingänge steht eine etwa drei Meter hohe Transformers-Statue aus Autoschrott, die ich zur Orientierung heranziehe. Doch das haut nicht hin, denn, wie ich allmählich entdecke, ist die Stadt voll davon. Ein Schrottplatzbesitzer habe sie zusammengeschweißt, erklärt man mir, Podgorica möge Transformers. Mostar mag Bruce Lee. Wer sagt denn, dass Statuen in dieser Welt mehr ausdrücken müssen als die Vorlieben eines Volkes für Filme. Ich frage mich durch, komme zum Stadion und schließlich zu einem kleinen Wohnwagen, aus dem ein alter Parkplatzwächter mich mit ‚Izvolite‘ anspricht – bitteschön. Er nimmt seine Krücken, solche der Art, die man unter die Arme klemmt, und zeigt mir den Weg zum Hostel.

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Auch dieses ist weitgehend touristenlos, irgendwo soll es wohl einen Deutschen geben, aber ich habe ein Zimmer für mich. Boško, der Besitzer des Hostels, schmeißt den Laden alleine und langweilt sich dabei zu Tode. Er wohnt schon sein Leben lang im Nachbarhaus und hat sich mit Platz für 11 Gäste zugegebenermaßen nicht gerade viel Arbeit aufgehalst. Dem Kollegen vom zweiten Hostel der Stadt geht es nicht anders und so sitzen sie meistens gemeinsam im Garten und trinken serbisches Bier aus 3-Liter-Flaschen. Ob serbisch oder bosnisch scheint hier niemanden zu kümmern und das bestätigt mir Boško auch. Montenegro sei in diesem Konflikt quasi die Schweiz, man halte sich raus, fände lediglich den Akzent der Belgrader Mädchen am attraktivsten, während die sich von der groben ländlich-männlichen Aussprache der Montenegriner um den Finger wickeln ließen. Das kleine Land habe in seiner Geschichte zwar durch den Widerstand gegen die Osmanen große Stärke bewiesen, sich aber in Folge zu verschiedenen Koalitionen hinreißen lassen, die ihre Versprechungen wie Landgewinn für Montenegro nach dem Sieg nie eingehalten hätten. ‚Montenegro wurde irgendwie immer abgezogen‘, meinen die Männer schwermütig und schenken Bier nach. Und für die fast vollständige Zerstörung Podgoricas im zweiten Weltkrieg haben sie auch eine Theorie: Man habe hier für Dresden geübt. Podgorica hatte zwar keinerlei strategischen Wert, aber dieselbe Struktur wie die sächsische Hauptstadt.

Auf so kleiner Fläche findet sich alles, was eine Hauptstadt bereithält, ein wenig zusammengedrängt. Die Deutsche Botschaft ist in einer Einkaufspassage untergekommen und der Rote Teppich des Parlaments ragt bis auf den Bürgersteig. Da die Partei nach Aussage der beiden Männer ohnehin ‚überall‘ ist, bekommt Bürgernähe eine neue Definition. Vor dem Gebäude schlendert ein einsamer Wachpolizist und schnippt in einem unbeobachteten Moment seine Zigarette in den Vorgarten. ‚Hier erwartet keiner eine Revolution‘, meint Boško und räumt dann ein, selbst schon lange nicht mehr wählen zu gehen.

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Ansonsten ist das Leben hier annehmbar, abends sind die Kneipenstraßen voller Menschen und Musik, man merkt der Stadt den Dienstagabend nicht an. ‚Und weißt du was‘, lachen die beiden Männer, ‚wir haben hier sogar eine Berlin-Bar. Dort spielen sie Rockmusik.‘ Ich stelle mir vor, wie die Elektro-Queen Berlin sich darüber schütteln würde. ‚Lasst uns heute abend ausgehen!‘ ruft Boško aus, ‚In die Berlin-Bar!‘ Der weitere Deutsche hat sich als Schweizer und ausgesprochener Langweiler herausgestellt, also stimme ich zu. Der Besitzer des zweiten Hostels zieht sich bald zurück und Boško gesteht mir nach dem dritten Bier, dass er mich sehr mag und gerne die Nacht mit mir verbringen würde. Zuvor war ich etwa eine Stunde lang erfolgreich seinen intensiver werdenden Blicken ausgewichen, aber für den breiten Zwei-Meter-Mann ist das kein Hindernis. ‚Wir haben ja nicht so viel Zeit zusammen‘, setzt er hinterher, rechtfertigend für seine Überstürzung. Ich will nicht unhöflich sein, bekundige mein Nichtinteresse und will dann wieder zum Smalltalk übergehen, schließlich lebe ich hier unter seinem Dach, während er nicht aufhört zu beteuern, dass er die Situation nicht ausnutzen würde. Beim Hostel angekommen versucht er dennoch mich zu küssen, ich weiche aus, will die Tür öffnen, aber die ist verschlossen. Den Kommentar ‚Vielleicht ist das ein Zeichen‘ lässt er sich nicht nehmen, löst dann aber nach Balkan-Manier das Fliegengitter mit dem Taschenmesser und öffnet die Tür von innen. Ich lache ein bisschen, wünsche gute Nacht, schließe dann beide Türen hinter mir zu und verbringe eine halbe Stunde Schokolade essend auf dem Sofa, bevor ich schlafen kann.

Am nächsten Tag steige ich auf den Berg hinter dem Stadion, von dem die radikalen Fans bei Stadionverbot einen Blick auf das Spiel erhaschen können und vor allem mit ihren Bengalischen Feuern gesehen werden – Hauptsache das. Das ‚beste Burek der Stadt‘ ist ebenso lecker wie fettig und der Kaffee verdient meinen Respekt – genauso wie die drei Teenager, die Schule schwänzend in der Bar das schwarze Getränk kippen wie Wasser, sodass mir beim Zuschauen schon zitterig wird. Die Stadt hat ihren schlechten Ruf bei weitem nicht verdient. Nur dass es sich um eine Hauptstadt handelt, ist eben schwer zu glauben. Am Abend geht ein Bus nach Prishtina und es treibt mich immer noch voran, weiter weiter.

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