Zwischenstopp Dubrovnik

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‚Haben Sie keine Freunde?!‘, blafft mich der mit Berlin gekennzeichnete Fahrer an und entspricht so trotz bosnischem Akzent allen Klischees: Die Überheblichkeit des Mercedesbesitzers gepaart mit Berliner Hauptstadtschnauze. Ich könnte mich nun wie Zuhause fühlen, würde ich nicht in einem bosnischen Kurort festsitzen, der nur dazu dient, Kroatien in zwei Stücke zu teilen: Damit Bosnien auch etwas Küste bekommt, nicht aber etwa das untere Ende mit dem Kronjuwel Dubrovnik. So erkläre ich dem Mercedesfahrer, dass ich schon Freunde hätte, aber dennoch alleine durch die Welt reisen wolle, auch mal per Autostop – der Freiheit wegen – doch dergleichen will er nicht hören. ‚Alleine als Frau? Machen Sie das nie wieder!‘, schnaubt er wütend, knallt die Tür zu und braust davon.

Mein erster Versuch, alleine zu trampen, endet hier auf traurige Weise: Weil es grundsätzlich zu gefährlich sei, werde ich stehen gelassen. Eine gute Stunde später kommt ein Reisebus auf dem Weg nach Dubrovnik vorbei. Ich wollte nicht dorthin, in diese teure schöne Stadt, aber nun sei es so. Ich steige ein, zahle Geld, komme an und resigniere, denn die Stadt besticht wirklich. Jedoch weniger durch die unter Turnschuhmassen glattgequälten Steine, als durch eine kleine Tür in der historischen Mauer, die Zugang ins Blaue gewährt. Ich schwimme, bis die Sonne hinter Schleierwolken verschwindet und fühle mich hinterher sauber und leicht. Ich habe keinen Ort zum Übernachten und zögere die Entscheidung lange hinaus. Mit Brot und Tomaten aus dem Supermarkt richte ich mich für ein preiswertes Picknick ein und spiele mit dem Gedanken, hier draußen zu schlafen, in den Felsnischen, die noch die Sonnenwärme des Tages halten. Und es scheint in der Tat wie ein Kinderspiel, alles ist möglich, alles ist frei, denn ich bin hier niemandem Rechenschaft schuldig. Das Leben aber ist nicht so romantisch, denn der plötzlich einsetzende Dauerregen ändert alle Pläne und treibt mich in Richtung Busbahnhof, wo die alten Damen Dubrovniks Appartments anbieten. Ich finde eine Vermieterin, Katarina, die eine Schlafmöglichkeit in ihrer eigenen Wohnung vermietet und mir Bahnhofsnähe und Panoramablick verspricht. Und so gehen wir zehn Minuten, während sie viel erzählt, wenig fragt und wir beide wenig voneinander verstehen. Katarina hat in der Schule Deutsch gelernt, das sei so ungefähr 50 Jahre her, und dafür verzeiht man ihr die Holperigkeit. Wir trinken starken Kaffee auf dem kleinen Balkon, der in der Tat einen Rundumblick über den Hafen freigibt. Neben uns schnattert ein grosser Papagei in seinem Käfig. Ich komme mir immer etwas dämlich vor, wenn ich zum besseren Verständnis mit Nicht-Muttersprachlern meine Kommunikation auf ein Minimum reduziere: Schöner Ausblick – Das ist ein guter Kaffe – Ich habe noch nie so einen schönen Vogel gesehen.

Ich frage, seit wann Katarina bereits Wohnungen vermietet, aber sie versteht mich falsch und denkt, ich frage nach ihrer Familie. Zwei Brüder  wurden im Krieg von einer Granate getötet. Ich bin wieder einmal vor den Kopf gestossen. Die einzige Schwester lebt nun in Sarajevo. Katarina schenkt Kaffee nach – ich werde kaum schlafen können – und erzählt Anekdoten vorheriger Gäste. Ein Mann habe zu viel Tequila getrunken und später beim Erbrechen in die Toilette sein Gebiss verloren. ‚Wie heisst das?‘ fragt Katarina und macht eine vielsagende Handbewegung vom Mund Richtung Boden. ‚Kotzen‘, sage ich. ‚Hotzen.‘, wiederholt die alte Dame und sieht zufrieden aus. Ich wage nicht mehr, sie zu verbessern.

Im Zimmer gibt es ein riesiges Bett mit pinken Bezügen, zwei Bilder der heiligen Jungfrau sowie zwei Stickarbeiten im goldenen Rahmen, kreative Lampen, die nicht funktionieren, einen Spiegel, der Wellen schlägt und zwei großformatige Fotografien. Beide sind in derselben Straße, im gleichen Winkel aufgenommen und zeigen ein fast identisches Bild: Im ersten Foto sind eine jüngere und eine ältere Frau zu sehen, die jüngere mit ausgebreiteten Armen. Zu ihren Füßen scharen sich Tauben. Das zweite Bild ist unscharf, was bei einer vergrößerten Fotografie verwundert und den geschätzten Wert der Erinnerung hebt. Zwischen den beiden Frauen kniet hier ein Mann mit blondem Bürstenschnitt und einer Zigarette im Mundwinkel, der mit beiden Händen versucht, die Tauben aufzuscheuchen. Die junge Frau blickt noch immer in derselben Pose in die Kamera, die ältere scheint mit den Armen zu schlenkern. Aus ihrer Gestik spricht die Unbeholfenheit einer Fotografierten aus einer weitgehend fotografiefreien Zeit. Ich weiß nicht, ob Katarina die jüngere Frau ist, die ältere, oder keine von beiden. Ich weiß nur, dass die Bilder eine besondere Bedeutung haben müssen. In ihnen schlägt der zerstörte Rhythmus einer unbeschwerten Vorkriegszeit.

Beim Frühstück holt meine Gastgeberin Stift und Papier an den Tisch und fragt mich nach deutschen Formulierungen, die sie dann in ihrer eigenen Lautschrift notiert – einer Mädchenschrift, wie man sie vor 50 Jahren in der Schule lernte. Schließlich breche ich auf zum Bahnhof. Die alte Frau küsst mich auf beide Wangen. ‚Lerne!‘ gibt sie mir mit auf den Weg. Und winkt mir vom Balkon aus hinterher. ‚Sretno Put!‘ Das heißt ‚Gute Reise‘.

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