Wie Bruce Lee nach Bosnien kam

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Abgesehen von Majdas Hostelgarten ist es in Mostar schwer, einen ruhigen Ort zu finden. Von allen Seiten stürzt Wasser auf die Stadt zu und wieder hinaus und mit dem Wasser die Touristen. Eine ständige Geräuschkulisse aus Menschenstimmen und Wassermassen ist Bestandteil dieser Stadt und der Kaffee ist so klein und stark, dass man nicht lange verweilt sondern sich hyperaktiv durch die Strassen treiben lässt. In meinem Kopf stelle ich eine Regel auf, die mir logisch erscheint: Je ferner das Land, desto stärker muss auch der Kaffee sein, um Fremden wie mir dabei zu helfen, alles Neue zu aufzunehmen.

Majdas Hostel braucht keine Empfehlungen mehr. Schon jetzt fragt sie suggestiv beim Frühstück – die Hände auf den Schultern der jeweiligen Person – wann man denn wieder gehen wolle. Wenn jemand dann wirklich gehen will, bewertet sie dies überschwänglich mit: ‚So nice that you’re leaving!‘ In diesen Tagen sind Majda gehende Gäste lieb, denn sie liebt es, die kommenden willkommen zu heißen. Dies tut sie mit hausgemachter Limonade, Kuchen und einer diktatorischen Freundlichkeit, mit der sie befiehlt, jetzt bitte Namensschilder für die Betten zu malen, danach gibt’s Kaffee, kommt bloß nicht zu spät. In der ersten Stunde nach meiner Ankunft komme ich noch nicht einmal dazu, auf die Toilette zu gehen.

Denn ich komme zur Kaffeestunde an, der Stunde des bosnischen Kaffee, um genau zu sein. Ob es noch freie Betten gibt, ist Majda während der Kaffeepause erst einmal egal. „Do you want me to show you how to drink the bosnian coffee?“ fragt Majda mich, als ich die kupferummantelte Tasse mit einem schaumbedeckten Kännchen erhalte. „Ich weiß wohl, wie man den türkischen Kaffee trinkt“, merke ich ohne ethnische Feinfühligkeiten an. Majdas Lächeln verschwindet augenblicklich. „This is bosnian coffee.“, statuiert sie und ich muss anschließend förmlich darum betteln, eine Anleitung für den Genuss des Getränks zu bekommen. Zuerst mischt man den Schaum etwas auf, dann wird er vorsichtig in die Tasse gelöffelt, die schließlich mit ungesüßtem Kaffee aufgegossen wird. Den Zuckerwürfel tunkt man vor dem ersten Schluck in den Kaffee ein, behält ihn im Mund, sodass er sich dort mit dem Kaffee mischt und eine Süße entsteht, die jeden türkischen Kaffee übertrifft, zugegebenermaßen.

Bosnien mag es offensichtlich, zu beeindrucken. Als ob nicht die Landschaft schon mit Überfluss nur so um sich werfe, die besten Farben wie eine Sonntagsdecke auf den Tisch bringe und die Bäume unter Granatapfel- und Feigenlast beuge, sind auch die jungen Männer zur Schau aufgelegt: Schon seit dem sechzehnten Jahrhundert stürzen sich die Mutigen von der alten Brücke in die gemäßigten Tiefen der Neretva, die grün und klar die Stadt durchquert. So soll seit jeher den Mädchen imponiert werden. Wer es andersherum versuchen will, hat schlechte Karten. Anisha ist eine toughe Reisende, die den Sprung aus 26 Metern wagen will. Als sie den Divers Club betritt, der ein Training vom 12-Meter-Sprungbrett organisiert, wird sie bereits skeptisch gemustert. ‚This is a mens sport‘, läßt ein Trainer verlauten und nimmt sie dann dennoch zum Testsprung mit. Am Ende darf Anisha nicht von der Stari Most springen, ihre Form ist nach Meinung der Fach – Männer – ’schlecht‘. Auch Ben bleibt der Sprung verwehrt, nachdem er beim Training stolpert und mit Brust und Gesicht auf die Wasserdecke kracht. So geht Sean als alleiniger Held dieses Tages hervor, muss jedoch nach dem gelungenen Sprung seine Reise um ein paar Tage aufschieben, denn das Knie wurde trotz guter Form von den Wassermassen zur Seite verdreht.

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Bastian aus Österreich erzählt vom Sniper Tower, der seit dem Krieg skeletthaft und kantig aus dem Stadtbild ragt. Der Zugang ist leicht. Das Vertrauen in die Bausubstanz fällt auch nicht schwer, denn alles, was bleibt, ist Beton. In den oberen Stock und noch weiter gelangen wir über eine breite Treppe und schließlich über die Feuerleiter hinauf bis auf’s Dach. Dort sprießt zwischen Schutt und Müll ein Granatapfelbaum mit fast reifen Früchten. Diese Bäume wachsen in der ganzen Stadt wie Unkraut als wüssten sie selbst um ihre Symbolik der Fruchtbarkeit und wollten der Stadt ihre Zukunft wiedergeben.

Am Ende des Aufenthalts lese ich einen weiteren Kriegsbericht und blicke der Stadt mit einem neuen Grad an Respekt in die Augen. Dieses Land hat gelernt, vieles auszuhalten. Vielleicht gibt es auch deswegen keine Proteste mehr. Denn eigentlich ist hier jeder unzufrieden, mit den bevorstehenden Wahlen, die die ethnische Spaltung vorantreiben werden statt sie endlich zu heilen; mit den eigenen Politikern wie auch der EU und der Arbeitslosigkeit. Jeder, der Macht hat, nutzt sie gegen ein Volk, an das ohnehin niemand glaubt, heißt es. Und das Wasser in Mostar fließt trotzdem weiter und die jungen Männer kehren beim Sprung von der Brücke dem Skelett des Sniper Towers den Rücken zu. Im städtischen Parkt steht eine Statue von Bruce Lee, die Rätsel aufwirft, aber doch schnell erklärt ist: Die Bosnier mögen Bruce-Lee-Filme. Nicht mehr und nicht weniger Anlass macht diese Statue zu einem wahren Hoffnungsträger: Nur wenn die schwere Vergangenheit im Alltag beiseite gelassen wird, kann hier Neues entstehen.

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