Touristenantworten

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Seit sechs Stunden und etwa fünfhundert Kilometern regnet es ununterbrochen, sodass der Eindruck entsteht, der Bus würde sich in einer einzigen, homogenen Ländermasse bewegen. Auf dem Weg von Slowenien nach Bosnien überspringe ich Kroatien geflissentlich. Jetzt ist nicht mehr die Zeit für steinige Küsten und schon gar nicht für bereits Gesehenes. Das Neue, das ist der Kosovo – aber zuerst brauche ich einen Ort, um gesund zu werden, seit eine hartnäckige Erkältung mich seit Beginn der Reise begleitet. Im Ortsnamen Banja Luka klingt ein Hauch von Kurort mit, der Standort in der Republika Srpska dazu aber abenteuerlich genug. Unter Langeweile ist noch niemand gesund geworden.

Im Bus will niemand neben mir sitzen, weil ich Ausländerin bin. Meine Versuche, hartnäckig ein freundliches Gesicht aufzusetzen, nützen nichts, so bleibt der Platz rechts von mir als einziger unbesetzt. Es reisen hauptsächlich Männer, überwiegend ältere, deren Husten schlimmer klingt als mein eigener, dazu chronisch. Die Blicke der Frauen sind skeptisch, als ich frage, wie lange die Pause dauern wird. Deset für Zehn verstehe ich, kaufe wie meine Mitreisenden Chips an einem kleinen Kiosk und teste vorsichtig die ersten bosnischen Sonnenstrahlen, die ebenso vorsichtig ohne jegliche Wärme zurückblinzeln.

Der Bus durchfährt eine Reihe von Orten, die, kaum dass sie angefangen haben, auch schon wieder zuende sind. Hier steht alles frei. Egal ob Bauruine oder Motel – es gibt nichts, aber auch gar nichts, was das ganze umgibt. Ein Schwein, so rosa wie das dazugehörige Haus, stapft durch den nicht existenten Vorgarten. Auf einer Halterung entdecke ich einen Stapel säuberlich aufgereihter Autotüren. Rostige UN-Container lagern auf einem verfallenden Parkplatz gleich neben Coca-Cola-Trucks.

In Banja Luka steige ich in den Bus Richtung Stadtmitte. Nachdem sich mir beim Blick nach draußen in der einbrechenden Dunkelheit das Stadtzentrum nicht erschließt, frage ich ein Mädchen nach dem richtigen Stop. Ich frage – auf Englisch – „Can you tell me where to get out at the city center?“, und bekomme ein „Sorry, I don’t speak German“ als Antwort. Dass mein Deutschsein so offensichtlich ist, hätte ich doch nicht gedacht. Zwei Mädchen auf der Straße begleiten mich dann aber eine halbe Stunde lang auf der Suche nach dem Hostel, das sich hinter Dunkelheit und Gebüsch versteckt.

Wir sind nur fünf Gäste, zwei davon aus Bosnien. Aus der Republika genauer gesagt, denn dass die beiden Anfang 20-jährigen nicht an das Länderkonstrukt ‚Bosnien‘ glauben, wird im Gespräch bald klar. Die serbische Republik wolle sich abspalten und zu Serbien gehören, erklären sie. Der Junge studiert, um Zahnarzt zu werden, versuche aber den Abschluss hinauszuzögern, da es ohnehin keine Arbeit gäbe. Aber die Menschen hätten doch immer Zahnprobleme, Krise hin oder her, wundere ich mich, doch er ist sich sicher, seine Zukunft ist es nicht. Marta aus Polen spricht sowohl Deutsch als auch Serbokroatisch fließend. Sie fragt, ob die beiden schonmal in Serbien gewesen seien. Klar, ist die Antwort, Serbien werde gar nicht als Ausland angesehen, sie seien ständig dort. „Aber ist die wirtschaftliche Situation in Serbien denn besser?“, fragt Marta und es kommt wie aus einem Munde ein lachendes „Nein“ zurück. „Warum wollt ihr denn dann zu Serbien gehören?“ Die Antwort scheint logisch: „Das wollten unsere Vorfahren auch schon.“ Es scheint, als seien die Abspaltungspläne auf nichts weiter als Tradition begründet und auf eine ethnische Zugehörigkeit, die für Aussenstehende schlecht nachvollziehbar ist. Jeder wolle sich Abspalten, die Kroaten auch, heißt es dann noch und als Marta einwirft, sie habe mit Kroaten gesprochen, die stattdessen das Land Bosnien aufbauen wollten, bricht wieder Gelächter aus. „Touristenantworten“ seien das. Gegenüber Ausländern werde oft beschönigt.

Was aber hält Bosnien dann überhaupt zusammen? Wir überlegen, ob es der Fußball ist, denn auch die Leute aus der Republika hatten während der Weltmeisterschaft für Bosnien gefiebert. Doch Fußball ist immer „etwas anderes“. Jetzt sind die Fragen an ihnen. Was mich überhaupt an Bosnien interessiere, möchte der Junge wissen und ich erzähle ihm von einem Buch, das ich einmal gelesen habe, in dem die Schriftstellerin auf einer Nachkriegsreise herausfinden möchte, wie es in Wahrheit um den Hass bestellt ist, der zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten tobe. „Was ist deine Erfahrung jetzt, hassen sich hier die Menschen?“, fragen sie. „Ich weiß nicht“, antworte ich, „niemand hat mir gesagt, dass hier noch irgendjemand jemanden hasst.“ Es folgt eine weitreichende Hass-Aufzählung. Er persönlich hasse natürlich niemanden, die junge Generation eher nicht, nur bei den Aelteren sei das noch verankert. Ich bin froh über die Wendung und hoffe, es handelt sich nicht um eine „Touristenantwort“. Am nächsten Mittag fährt ein Bus nach Mostar und die verbleibenden Stunden reichen vollkommen aus, um das Stadtzentrum zu erkunden. Vielleicht ist diese Hauptstadt der Republika so hauptstadtuntypisch, weil sie sich in Wirklichkeit Belgrad an ihrer Stelle wünscht.

 

 

 

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