Von Kiwarei und Kaffeehauskultur

Als der Bus in die Stadt einfährt, umgibt uns völlige Dunkelheit. Ungefähr so hatte ich Wien immer gesehen. Schemenhafte Häuserzeilen, triefend vor Historizität, der Rest im spekulativen Dunkel aus Mozartkugeln und Sachertorte. Kaffeehauskultur klang nach Spießigkeit. Es wurde höchste Zeit, dass ich dieser Stadt einmal einen Besuch abstattete.

Das fehlende Straßenlicht wie auch ein übersichtliches U-Bahn-Netz belegen die Hauptstadt mit einem provinziellen Trugbild, das sich bei Tag schnell lichtet. Meine Freundin Isa ist vor drei Jahren von Bayern nach Wien gezogen um Internationale Entwicklung zu studieren, ein Studiengang, der mittlerweile abgeschafft wurde. Jetzt ist die Wirtschaft wichtiger, meint Isa und verweist auf die neuen Uni-Gebäude der Hochschule für Wirtschaft, die, jedes für sich, von einem anderen Star-Architekten entworfen wurden. Während wir beinebaumelnd aus dem 90 Meter hohen Kettenkarussel im Prater auf die raumschiffartige Bibliothek hinabblicken, eröffnet sich die Groesse der Stadt in vollem Maße.

Statt dem historischen Zentrum, in dem wir nur dem Stephansdom einen kurzen Besuch abstatten, besichtigen wir die Universität Wien. Diese erweist sich als nicht weniger historisch und spielt ihren Stolz darüber durch Marmor und Statuen vergangener Universitaetspräsidenten aus. Bei diesen Präsidenten und Ehrenprofessoren handelt es sich fast ausschließlich um Männer. Von den einzigen drei Frauen reckt sich die erste in engelsgleicher Pose ehrerbietend einem männlichen Professor entgegen, während der zweiten nicht einmal ein Portrait gewidmet ist. Die dritte weibliche Repräsentatin ist die Muse, die mit gefalteten Händen das Zentrum des Innenhofes bildet. Der Muse aber hat man 2009 durch die Künstlerin Iris Andraschek eine eigene Meinung zugeschrieben: Der Muse reicht’s. Ihr Schatten aus dunklem Stein, der den ganzen Innenhof durchzieht, bleibt bei jeder Sonneneinstrahlung sichtbar und erhebt sie mit gereckter Faust zur Ikone des Ausbruchs. Ich bin erleichtert. Wenn in einer Stadt selbst die Bronzestatuen der Vergangenheit ausbrechen können, ist die Zukunft noch nicht verloren. Auch nicht, wenn diese sich nazibraun in eben dieses Universitätsgebäude schleicht. Isa hat einen scharfen Blick für die Sticker der Identitären entwickelt, die an Laternenpfaehlen und Mülleimern zwischen regulären Studentenstatements für ein nationalistisches Wien werben. Sie lassen sich nicht gut abziehen, immer bleibt ein hässlicher Rest, der aber wohl besser ist als ein hässlicher Inhalt. So bewegen wir uns stickerabreißend durch den Innenhof und weiter durch die Stadt, bis wir schließlich im Angesicht des Schlosses in das kaiserliche Zeitalter von Sissi und Franz gelangen. Aber auch hier bleibt die rechte Szene nicht fern. Erst vor kurzer Zeit gab es beim Akademikerball wieder Auseinandersetzungen zwischen Burschenschaftlern, Polizei und Demonstrierenden, bei denen der „Schwarze Blog“ als allgemeines Feindbild für die Kiwarei – die Polizisten – gelte, das wie eine Mischung aus terroristischer Vereinigung und eingetragenem Verein behandelt würde. Kuerzlich habe sich die ironische Facebook-Gruppe Schwarzer Blog e.V. gegründet. Als ob es so etwas gaebe. Manchmal muss man eben sagen „A Kiewara is ka Hawara ned“ – Ein Polizist ist kein Freund. Ich bin ein wenig stolz darüber, dass mein einziger Satz auf Wienerisch ein politischer ist.

Als wir erschöpft zum Cafe Jelinek gelangen, lerne ich, dass Wiener Kaffeehauskultur das beste ist, was einem müden Touristen nach anstrengender Stadtbegehung passieren kann. Ein Schild sagt hier „Wer’s eilig hat, wird nicht bedient“. Und so sitzen die Menschen stundenlang an einem Kleinen Braunen und lesen die Zeitung – oder gleich zwei. Wien erscheint mir wie eine alte Dame, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat und es sich nun mit schmerzenden Knochen und einem Kopf voller Vergangenheit gut gehen lässt. Und sie lässt jeden, der will, daran teilhaben.

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