Die Revolution ist laut

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Ein Jahr nach den Gezi-Park-Protesten besuche ich gemeinsam mit meiner Freundin Anne Istanbul, die Stadt, in der ich 2010 für einige Monate gelebt habe. Heute, am 28. Juni 2014, ist Gay-Pride-Parade auf der berühmten İstiklal-Straße. Und hierbei geht es um viel mehr. Die Revolution jedenfalls ist für mich noch nie so laut gewesen.

Trillerpfeifen werden von den Straßenhändlern feilgeboten, ebenso Regenbogenfarbenfahnen und kleine runde Pappschilder mit verschiedenen Slogans zur sexuellen Vielfalt. Das türkische Straßenhändlergeschäft lebt über alle Maße von Flexibilität. Da mag noch so viel von dieser Zauberzutat von meiner armen Generation Praktikum gefordert werden – eine Woche als türkischer Händler wäre die beste Referenz. Am Tag verkaufen sie Feuerzeuge, beim ersten Tropfen werden die Regenschirme ausgepackt und sobald es dunkel wird, lassen sie kleine leuchtende Propellermaschinen zig Meter in die Höhe fliegen, die immer zielgenau wieder beim Verkäufer landen, während ein Tourist sie höchstwahrscheinlich schon am ersten Abend an eine der angrenzenden Dachterassen verloren hätte.

Wir laufen die ersten Meter gegen den Strom der bunten Menge und merken dann schnell, dass das nicht möglich ist. Die Kraft einer Masse ist bekanntermaßen stark, wenn aber diese Masse die Revolution erfahren hat, oder, wie es auf einem Transparent heißt, „den Geschmack von Aufstand auf der Zunge trägt“, kann die Dynamik einen regelrecht von den Füßen reißen. Dabei ist jede Bewegung so vorsichtig, so bedacht. Sobald mich jemand mit der Schulter berührt oder versehentlich einem anderen auf den Fuß tritt, entschuldigt man sich überschwänglich. In der Tat werde ich weniger angerempelt als auf der İstiklal Caddesi an einem normalen Einkaufstag. Die Bewegungen sind sanftmütig wie die der jungen Demonstranten, die mit Federpuscheln liebevoll und höchst spöttisch die Frontleuchter eines Wasserwerfers polieren.

Als das Ende des Zuges die İstiklal am Taksim-Ende betreten hat, ist das Frontbanner schon längst im zwei Kilometer entfernten Tünel angekommen. Die junge Frau neben mir hat ihre dunkelblonden Haare zu einem langen Zopf geflochten, an dessen Ende eine Trillerpfeife baumelt. Sie lächelt verständnisvoll, wenn ich mit die Ohren zuhalten muss, wenn das Pfeifkonzert zunimmt – vor der russischen Botschaft zum Beispiel. Hin und wieder schwillt auch die Lautstärke der Losungen an, dann rufen die Menschen wieder „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“ und „Erdoğan – Rücktritt“ oder auch ganz einfach „Halk!“ für „Volk!“ Seit ich 2010 für ein paar Monate in der Türkei gelebt habe, hat sich hier einiges verändert. Das spiegelt sich für mich am stärksten in der Demonstrationskultur wieder: Damals, am weltweiten Klima-Aktionstag, waren wir nicht mehr als tausend gewesen, bei der Frauenrechts-Demo sah es ähnlich aus und der Protest gegen die dritte Bosporus-Brücke hatte eher einem Picknick geglichen. Jetzt sind die Menschen geübt und mir scheint es schnell, als könnten sich andere Länder davon eine Scheibe abschneiden.

Eigentlich kommen Anne und ich nach Istanbul, um „mal rauszukommen“. Früher ist man dafür vielleicht an die Ostsee gefahren, aber das Ausland bietet heute ein ganz neues Abschalt-Potential, indem es die mobile Internetnutzung finanziell erschwert. Gleichzeitig aber gibt es für mich noch einen anderen Grund für diese Reise: In meiner Bachelor-Arbeit versuche ich, der besonderen Ästhetik von Gezi näher zu kommen, die auch oft als Gezi Ruhu, „Gezi-Geist“, beschrieben wird.

Unser Shuttle-Bus vom Sabiha-Gökçen-Flughafen hält nicht mehr wie früher am Taksim-Platz, sondern etwas abseits gegenüber dem Divan Hotel, das, wie auch andere, während der Proteste Demonstranten Zuflucht gewährt hatte. Der junge Student, der neben mir sitzt, kommt gerade von einem Berlin-Urlaub. Er wohne direkt am Gezi-Park, meint er vielsagend und räumt dann ein, während der Proteste nur einmal dort gewesen zu sein. Aber die Revolution begeistert ihn doch: „Die Stadt hat sich verändert“, meint er, „wir tragen jetzt die Konsequenzen von Gezi.“ Und es klingt so, als ob da großes auf uns zukommen würde. Wir schlängeln uns durch eine Gruppe von Luxus-Hotels, bis der umgebaute Taksim-Platz vor uns liegt, ohne hupende Autos, ohne Löcher im Boden. Blitzblank wie eine Steinwüste, weit, leer und stechend grau. Lediglich ein Reinigungsgerät wird über den blassen Stein gesteuert – es erinnert mich ein bisschen an Wall-E, den kleinen Roboter, der die verlassene Erde aufräumen muss. Kaum ein Simit-Verkäufer, der Akzente setzen, kaum ein Kieselstein, der an die Barrikaden erinnern würde, die hier vor wenigen Monaten noch das Terrain der Demonstranten verteidigten.

Als wir aber über steile Straßen zum Hostel schlittern, unsere Beine noch ganz steif von der Reise, bekomme ich eine Vorstellung davon, was mein Busnachbar meinte. Viele junge Menschen sind an diesem Abend auf der Straße, in Gruppen, vor Galerien und in den Parks. Etwas liegt in der Luft, es klingt fantastisch, unverbraucht und durch Klarinetten- und Gitarrenklänge in der Çukurcuma Caddesi auch ein bisschen wie ein Song aus den 70er Jahren. Und ich weiß nicht, ob es nur meine Erwartung ist, die durch zu viel zivilisierten Heißhunger nach Revolution hypersensibel interpretiert, aber für mich ist es eine Entwicklung und sie hört sich gut an.

Am Abend sitzen wir im Tophane Parkı, auch hier von jungen Menschen, die Bier trinken, plaudern, Gitarre spielen, umgeben. Ich hatte mich einmal gefragt, warum in Istanbul niemand im Gras sitzt, außer den Obdachlosen und Straßenhunden. Jetzt sind die Grünflächen voll mit liegenden, sitzenden, tollenden Menschen. Wir genießen das Panorama des Bosporus und des goldenen Horns, doch davor liegt eine Baustelle, quadratisch und selbst in der Nacht noch laut. Viel kann sie der Schönheit des Abends jedoch nicht anhaben, denn es hilft, in den Himmel zu schauen. Haltestelle Himmelsbetrachtung ist der Name eines in Graffitis zitierten Gedichts von Turgut Uyar und ich muss schon sagen, die Himmelsbetrachtung, die ist gut ausgefallen. Da fallen Möwen über den Himmel, von unten angestrahlt, sodass ihre weißen Bäuche wie Sternschnuppen blitzen. Da sammeln sich nachts die Stimmen der Menschen mit dem Gesang eines Muezzins, den ich westlich verklärt als beruhigend begreife, während er für andere Menschen Revolutionspotential bietet.

Über die Revolution spreche ich mit Ferhat, einem jungen Iraner, der mit uns ein Zimmer teilt, mit Pinsel und Tinte feine Noten zu Papier bringt und in Schottland Komposition studiert. An einem späteren Abend, mit einer Flasche Raki auf kleinen Schemeln hockend bis zum ersten Morgengebet, übersetzt er mir die Zeilen, die vom Minarett tönen, spricht vom typischen Leiern der Stimme im Gesang der islamischen Länder und erklärt, dass der Ruf eines Muezzins für ihn nichts weiter bedeute als Unfreiheit.

Am nächsten Tag treffe ich mich mit Jale, einer Freundin und Theaterregisseurin. Sie sieht weniger als mein geschärfter Touristenblick, was in dem Fall wahrscheinlich bedeutet: mehr. Der Türkei gehe es schlecht, berichtet sie, „die Politiker schmeißen den Laden wie eine Firma, alles geht um Leistungssteigerung, dabei haben sie keine Ahnung.“ Der Kultursektor gehe den Bach runter.

Zurück im Hostel erfahren wir, dass der Iran gerade ein Weltmeisterschaftsspiel gegen Bosnien verloren hat. Ferhat bedauert das, denn durch die WM seien die Menschen wieder raus, auf die Straßen gegangen und hätten gemeinsam gefeiert. Das wäre jetzt wieder vorbei. Aber er glaubt an die iranische Revolution, hat während der Grünen Bewegung selbst davon gekostet und hält die Befreiung für eine Frage der Zeit. Eine andere Frage, die bleibt, betrifft die Verantwortung des Weggehenden und schwankt zwischen Schuld, vielleicht auch Verrat und der Entfaltung des eigenen Potentials im Exil.

Der Geschmack des Aufstands ist für mich nach der Gay-Pride-Demo noch nicht definiert. Selbst das Tränengas bleibt uns heute erspart. Auf dem Heimweg passieren wir eine Gruppe Polizisten – bis an die Zähne bewaffnet und sichtlich angespannt können sie nur Mitleid erregen im Angesicht der stolzierenden, lippenspitzenden, bunt gefärbten Menge. Sie blicken allesamt so, als hätten sie Kopfschmerzen und wahrscheinlich stimmt das auch, inmitten des Trillerpfeifenkonzerts.

Die Straßenhändler haben ein gutes Geschäft gemacht, der Wiederhall des Aufstands schallt von allen Wänden.

Nie zuvor ist etwas für mich so laut gewesen.

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